Reparaturstau am Kanal Aug 2011 Noderoog Reeder meiden den NOK

reparaturstau_im_kanal Reparaturstau im Kanal: Unterwegs mit der „Norderoog“ Die „Norderoog“ bei der Einfahrt in die Kieler Schleuse. Foto: Ulf-Kersten Neelsen Der Nord-Ostsee-Kanal gilt als meistbefahrene Wasserstraße der Welt. Viele Schiffe aber meiden ihn inzwischen. Grund: Reparaturstau. Nötige Mittel wurden gestrichen. Die Schiffer sind entsetzt. Ein Stimmungsbericht von der „Norderoog“. In Kiel ist die Welt noch in Ordnung. Es ist 15.30 Uhr, als der 162 Meter lange Containerfrachter „Norderoog“ langsam in das Schleusenbecken einfährt. 9000 Container hat er in Finnland geladen, die müssen nach Bremerhaven – so schnell wie möglich. Vor der „Norderoog“ liegt jetzt der Nord-Ostsee-Kanal. 98 Kilometer lang, acht Stunden Fahrt. Normalerweise. „Mal sehen, wie wir diesmal durchkommen“, brummt Anatoly Medvedev (58), der russische Kapitän. Es klingt ein wenig missmutig, wenn nicht schicksalsergeben. Er steht auf der 30 Meter hohen Kommando-Brücke und schaut auf die Kieler Schleuse, hinter der sich der grünlich trübe Kanal schlängelt. Medvedevs Blick streift die kleinen bunten Heiligenbildchen aus Plastik, die neben dem Fenster an der Wand kleben. Gottvater, die Mutter Gottes, der heilige Nikolaus – Schutzpatron der Seefahrer. Medvedev deutet auf die kyrillischen Buchstaben darunter und übersetzt. „Gott behüte uns.“ Mehr als ein frommer Wunsch. Denn der Kanal, bei seiner Eröffnung 1895 gefeiert als Meilenstein der Seefahrt, ist zu einem schwer kalkulierbaren Nadelöhr geworden. Der Frust bei den Seeleuten sitzt tief. Grund ist die Schleuse Brunsbüttel auf der anderen Seite des Kanals – sie ist seit Jahren völlig marode. „Manchmal funktioniert sie, manchmal nicht“, seufzt Medvedev. Kein Wunder: Die beiden großen Schleusenkammern, die in der Lage sind, große Schiffe über 125 Meter wie die „Norderoog“ in die Elbe zu bringen, wurden 1914 gebaut. Steuerer Uwe Koch, der gerade an Bord gekommen ist und das Schiff ein Stück weit durch den Kanal bringen soll, kennt die Problematik. „Die Tore laufen auf eisernen Schienen, die wiederum auf Betonfundamenten ruhen“, erläutert er. „Bei zwei der vier Tore aber sind die Fundamente verrottet, die Schienen teils weggerostet.“ Behelfsmäßig, so Koch, seien die Tore immer wieder repariert worden. „Zwei laufen jetzt auf Holzkufen.“ Er schüttelt den Kopf. „Wie lange die halten, weiß kein Mensch.“ Dabei waren die Sanierung der Schleuse sowie der ebenfalls dringend nötige Ausbau des Kanals für insgesamt 1,25 Milliarden Euro längst beschlossene Sache. Dieses Jahr sollte es endlich losgehen. „Wir brauchen dringend eine neue, fünfte Schleusenkammer“, so Koch. „Dann hätten die alten Kammern eine nach der anderen repariert werden können, ohne Nachteile für den Schiffsverkehr.“ Als dann letzte Woche die Nachricht kam, dass Bundesverkehrsminister Ramsauer die Mittel eingefroren habe, traf das die Schiffer wie ein Schlag ins Gesicht. „Wenn eine Kammer repariert wird und die andere geht kaputt, dann ist der Kanal doch tot“, erregt sich Koch. „Dann geht hier gar nichts mehr. Dann bin ich arbeitslos.“ Während das Wasser in der Schleuse rauscht, sitzt Schiffsmakler Jann Petersen (53) in seinem Büro direkt an der Kaikante und blickt hinab auf die „Norderoog“, die gleich auf den Kanal hinausfahren soll. Zweimal die Woche passiert das Schiff der Reederei Briese in Leer den Nord-Ostsee-Kanal. Eines von über 40 000 Schiffen, die pro Jahr den Nord-Ostsee-Kanal passieren – die am meisten befahrene Wasserstraße der Welt. Je nach Zielort haben sie so eine Zeitersparnis von bis zu 24 Stunden. Doch weil die Schleuse Brunsbüttel so unzuverlässig sei, nähmen viele Reeder schon jetzt lieber den Umweg über Skagen in Kauf, klagt Petersen. Im Mai lag das Kreuzfahrtschiff „Balmoral“ nach dem Ausfall eines Schleusentores rund neun Stunden in Brunsbüttel fest, mit 1500 Passagieren. Petersen: „So etwas können wir uns doch nicht leisten. Der Kanal ist für den Tourismus und die Seewirtschaft von elementarer Bedeutung.“ Werde die Wasserstraße nicht ausgebaut, habe das Auswirkungen auf alle Häfen im Norden, auf Kiel, Rendsburg, Lübeck, Hamburg. Rund 7000 Arbeitsplätze wären gefährdet – der Kanal ist der sechstgrößte Arbeitgeber in Schleswig-Holstein. „Wir sind fassungslos“, kommentiert Petersen den Baustopp. Kaum zehn Minuten später, um 15.40 Uhr, hat die „Norderoog“ die Kieler Schleuse verlassen. Der Schiffsriese schiebt sich vorbei an Produktionshallen und Firmengebäuden. Von der Brücke der „Norderoog“ aus wirken sie, als wären sie Teil der aufgeräumten Spielzeugwelt einer Modelleisenbahn. Gegen 16 Uhr passiert die „Norderoog“ die Levensauer-Hochbrücke. „Das erste Nadelöhr“ kommentiert Koch. „Der Kanal muss breiter werden und tiefer.“ Bei zehn Metern Wassertiefe müssen Schiffe wie die „Norderoog“, die einen Tiefgang von mindestens 9,20 Metern hat, besonders vorsichtig sein. Auch Kurven sollten im Rahmen des Ausbaus begradigt werden. Einige Häuser wurden dafür bereits abgerissen, eine Kreuzotter- und Blindschleichenpopulation bei der Fähre Landwehr in Terrarien umgesiedelt. „Und jetzt passiert erst mal gar nichts“, ärgert sich Koch. „Seit 15 Jahren wird nur geflickt. Ein schlechtes Signal für die Wirtschaft. “ Immer wieder muss das Schiff warten, entgegenkommende Frachter vorbeilassen, wenn der Kanal zu eng wird. Die Sonne scheint, der Kanal glänzt silbrig, am Uferweg führt eine Frau ihren Hund spazieren. Um 17 Uhr hat die „Norderoog“ Rendsburg erreicht. Als es die Brückenterrassen mit der Schiffsbegrüßungsanlage passiert, ertönt die englische Nationalhymne. Die „Norderoog“ fährt unter der Flagge von Gibraltar. Es wird langsam Abend, und unten, in der Schiffsküche, hat der Schiffskoch Sergey (36) aus St. Petersburg das Abendessen für die 17-köpfige Crew fertig. Es gibt Hähnchenschnitzel mit Knoblauchnudeln und Salat. Ob die Mannschaft damit zufrieden sei, könne er nicht sagen, so Sergey achselzuckend. Beschwert habe sich bisher niemand. Der Kapitän lacht. „Es ist jedenfalls noch niemand vergiftet worden.“ Bei Kilometer 48, in der Mitte des Kanals, hinter der Weiche Schülp wechselt der Lotse. Frank Gülzow (53) aus Kiel geht von Bord, nachdem er seinen Kollegen Heinz-Holger Molter (53) aus Brunsbüttel begrüßt hat. Auch Molter kommt gleich auf die marode Schleuse zu sprechen. Er wohnt 300 Meter vom Deich entfernt. „Wenn da ein Tor wegbricht, steht mein Haus zwei Meter tief unter Wasser“, sagt er. „Bis Wilster und Marne säuft alles ab.“ Die Reparatur – eine Sicherheitsfrage. Der Kanal führt jetzt durch Dithmarschen, die Landschaft wird flacher, eintöniger, nur selten stehen noch Häuser oder Gehöfte am Ufer. Dann geht die Sonne unter, ein Feuerball, das Wasser färbt sich rötlich. Und drinnen, auf der Brücke leuchtet grün der Radar. „Der kleine Punkt hier“, erklärt Molter, „das sind wir.“ Nachts um 1.30 Uhr hat die „Norderoog“ Brunsbüttel erreicht. Die Abfertigung geht mit 30 Minuten verhältnismäßig flott. „Glück gehabt“, seufzt Kapitän Medvedev. und klopft kurz an die Wand.  
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Über g.goettling

1953 das Licht der Welt in Stuttgart erblickt bis 1962 Stuttgart ab 1963 bis 1970 Bayerrn ( genauer Mittelfranken Lauf/Peg.) Schule ab 1970 Norden Lehrjahre sind keine Herrenjahre Matrose HAPAG 1976 AK 19 86 AM FHSR ( heute STW 95 unbeschränkt) 1992 -1997 Staukoordinator Abteilungleiter Reedereien Rheintainer Transglobe 1997 - Schleusenmeister, den es immer noch seefahrtsmässig in den Finger juckt, wenn er seine Kollegen fahren sieht, inzwischen auch wieder selbst fährt übergangsweise Fähre und ehrenamtlich Dampfschlepper Hamburger Hafen Museumshafen Övelgönne