Diskutieren auch ohne Sigmar Gabriel über den Wirtschaftsstandort Brunsbüttel

Brunsbüttelforum24.06.2016
Diskutieren auch ohne Sigmar Gabriel über den Wirtschaftsstandort Brunsbüttel (von links): Frank Schnabel, Martina Hummel-Manzau, Reinhard Meyer, Moderatorin Melanie Graf, Johannes Kahrs, Uwe Polkaehn und Lutz Bitomsky.
Foto: Stegemann (2)
 
Klare Botschaft ohne Adressat
Diskussionsrunde über den Wirtschaftsstandort Brunsbüttel leidet unter Sigmar Gabriels Absage
Brunsbüttel
Sie hatten bis zuletzt gehofft, die Genossen aus Dithmarschen und Steinburg. Selbst den Stuhl auf dem Podium hatten sie nicht entfernt. Aber die weltpolitischen Ereignisse rund um das EU-Referendum der Briten hatten ihnen einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht. Der Bundeswirtschaftsminister und Vizekanzler Sigmar Gabriel hatte seinen Besuch am Freitag in Brunsbüttel kurzfristig abgesagt. „Angesichts der historischen Entwicklung in Europa haben wir Verständnis dafür, dass Herr Gabriel heute leider nicht hier sein kann“, sagte Brunsbüttels SPD-Ortsvereinsvorsitzende Ellen Paschke einleitend. Die Befürchtungen, der Saal im Elbeforum würde sich nach dieser Ankündigung rasch leeren, blieben unbegründet. Die große Mehrheit wollte sich nicht entgehen lassen, was die Protagonisten zu sagen hatten. Der Hamburger SPD-Bundestagsabgeordnete Johannes Kahrs, Uwe Polkaehn vom DGB-Nord, Lutz Bitomsky vom Unternehmensverband Unterelbe-Westküste, Egeb-Chefin Martina Hummel-Manzau und Frank Schnabel, Sprecher der Werkleiterrunde, diskutierten mit Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Reinhard Meyer über das Thema „Wirtschaftsstandort Brunsbüttel – Leuchtturm der Metropolregion“.
Informationen über den Schleusensitation in Brunsbüttel und Kiel Holtenau Teil 2
Eine echte Diskussion, und das war eindeutig dem Fehlen Sigmar Gabriel geschuldet, wollte nicht aufkommen. Mehrfach waren sich die Podiumsgäste in den vergangenen Monaten bei ähnlichen Runden begegnet, mehrmals haben sie ihre Argumente immer wieder dargelegt. Der Ritt durch die Themenlage kam wenig überraschend. Die Verbesserung der Infrastruktur auf der Straße (A20-Ausbau und B5-Erweiterung), auf der Schiene (zweites Industriegleis) und auf dem Seeweg wurde in vielen Statements vorangestellt. Die Steigerung der Attraktivität des Industriestandorts durch den Bau eines Vielzweckhafens und eines LNG-Flüssiggas-Terminals sowie die Windenergie standen ebenso im Fokus.
Timeline: LNG in the port of Antwerp Brunsbüttel bekommt Erdgas-Tankstelle für Schiffe Teil 2
Auf dem Podium herrschte große Einigkeit darüber, dass das größte zusammenhängende Industriegebiet in Schleswig-Holstein weiterer Förderung bedarf. Was fehlte, war der Adressat dieser Botschaften – der Mann, der die Entwicklungen in Berlin maßgeblich beeinflussen kann. Und so war es wenig verwunderlich, dass zahlreiche Wortbeiträge mit dem Satz begannen: „Ich hätte das Herrn Gabriel heute sehr gerne selbst gesagt, aber…“ Nichtsdestotrotz versuchten die Gäste ihre Anliegen mit Nachdruck vorzutragen. Der Wirtschaftsstandort in Brunsbüttel habe eine fantastische Lage mit dem Nord-Ostsee-Kanal, der Elbe und der Nähe zu Hamburg, befand Reinhard Meyer. Er bekräftigte mit Blick auf den Bau eines Vielzweckhafens: „Das Land steht zu seinen Förderzusagen.“ Auch beim Thema Flüssiggas stellte er klar: „LNG ist eine große Chance, leider wird das in Berlin noch nicht so gesehen, aber wir werden als Landesregierung weiter dafür kämpfen.“     Hörbare Zustimmung erntete der Hamburger Johannes Kahrs für seine Meinung beim Thema Elbumgehung. „Die östliche Querung wird kommen, aber erst nach der Westquerung“, betonte er. Brunsbüttel habe viel anzubieten, bekräftigten Martina Hummel-Manzau und Frank Schnabel. „Wir begrüßen regelmäßig internationale Delegationen, die sich für die Entwicklung in unserer Region interessieren“, erklärte die Vorsitzende der Wirtschaftsförderung, während Schnabel unterstrich: „Die Kooperation mit den Akteuren in Hamburg wird bereits gelebt und von der Politik unterstützt.“ In diesen Tenor stimmte Uwe Polkaehn ein: „Der Norden wird in Berlin nur Gehör finden, wenn er mit einer Stimme spricht.“ Die Notwendigkeit der Zusammenarbeit auf alle Ebenen steht derweil außer Frage. Wie einig man sich in diesem Punkt ist, bewies Lutz Bitomsky. Er überraschte mit einer Aussage, die man von einem Vorsitzenden eines Unternehmensverbandes nicht zwingend erwarten würde. „Als Unternehmer fühlt man sich von dem SPD-geführten Wirtschaftsministerium zumeist gut betreut. Das war ja auch nicht immer so.“   Den Enthusiasmus bei der Durchsetzung der Ziele dokumentierte einmal mehr Frank Schnabel, der ein leidenschaftliches Plädoyer hielt, das er nur zu gerne direkt an Sigmar Gabriel gerichtet hätte: „Brunsbüttel ist ein Wirtschaftsstandort mit Zukunft. Wir merken das an den privaten Investoren, die an uns glauben. Es muss nur endlich auch einmal in Berlin wahrgenommen werden.“ Bis in die Bundeshauptstadt hallte der lang anhaltende Applaus nach diesem Statement zwar nicht nach, den Kampf dort wird Schnabel aber nicht aufgeben. „Ich habe in Berlin inzwischen registriert, dass man dort allein durch sachlich vorgetragene Argumente nichts erreicht. Diejenigen, die am lautesten schreien, setzen ihre Ziele durch“, erklärte er.
Tobias Stegemann
http://www.nok21.de/2016/06/19/ein-frachter-brachte-am-montag-die-ersten-bauteile-der-kolossalen-krane-die-fur-knapp-sechs-millionen-euro-angeschafft-wurden/