Schiffsüberwachung : Der Wächter über die Ostsee

Schiffsüberwachung : Der Wächter über die Ostsee

vom 15. März 2015
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts
 
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Der weltweite Schiffsverkehr wird zentral überwacht und geregelt. 500 Verkehrszentralen sind dafür rund um den Globus zuständig, eine von ihnen liegt in Travemünde. Ein Besuch.

„Kiel Traffic for Key Fighter.“ „Kiel Traffic?“ „Key Fighter ist am Turm.“ „Das ist verstanden, Key Fighter, weiterhin gute Fahrt.“ Thomas Gruse lehnt sich in seinem Stuhl in Travemünde zurück. Alles ok mit Key Fighter. Das Schiff aus dem russischen Klaipeda wird demnächst in den Nord-Ostseekanal (NOK) einfahren und damit seine Fahrt in das niederländische Gent fortsetzen dürfen. „Hat ’ne Weile warten müssen“, erläutert Gruse. Zu viel Wasser in der Elbe und im NOK – das mache das Schleusen bisweilen unmöglich und dann sei der Kanal eben dicht. „Aber jetzt geht es ja weiter.“ Und Gruse kann die Überwachung des Schiffs damit an seine Kollegen vom NOK übergeben.   Thomas Gruse ist einer von 20 Nautikern, die in der Verkehrszentrale Travemünde ihren Dienst tun. Von der Mündung der Trave aus überwachen die gelernten Kapitäne auf hoher See oder Wachoffiziere den gesamten Schiffsverkehr im deutschen Hoheitsgebiet auf der Ostsee, sowie der Trave, der Kieler und Flensburger Förde und den Häfen Lübeck, Kiel, Puttgarden, Flensburg und Wismar. Neun solcher Überwachungsstationen gibt es allein für den deutschen Bereich, weltweit sind es 500 – vergleichbar mit der Flugsicherung in der Luftfahrt. Die Travemünder sind für den Bereich Flensburger Förde bis zum Leuchtturm Buk bei Kühlungsborn zuständig; Thomas Gruse für „Kiel Traffic“, was bedeutet, dass er alles ab Fehmarn bis Flensburg kontrolliert – und das heißt vor allem Kiel und die Einfahrt in den NOK. Neben ihm arbeiten noch „Wismar Traffic“ – zuständig von Fehmarn bis Buk – und „Trave Traffic“, verantwortlich für den Verkehr auf der schmalen Trave bis hin nach Lübeck. Wie eng dieser Fluss ist, zeigt ein Blick aus dem die ganze Hausfront überspannenden Panoramafenster: Draußen, vor der Station liegt die Viermastbark „Passat“. Sie ist auf der gegenüberliegenden Seite der Trave vertäut, gerade einmal einen Steinwurf entfernt. Die Wasserstraße ist damit so eng, dass auf ihr sogenannte Bewegungsregeln gelten. In einem solchen Fall dürfen sich entgegenkommende Schiffe eine Gesamtbreite von 42 Metern nicht überschreiten. An bestimmten Meldepunkten müssen Schiffe ab einer Breite von sechs Metern Bescheid geben – und sollte ein anderes schon auf der Strecke sein und die Gesamtbreite bei einem Passieren überschritten werden, muss das zuletzt angekommene Schiff warten. Doch darum muss Gruse sich heute nicht kümmern. Er sitzt vor 15 Bildschirmen. Irgendwann werden es nur noch sieben sein, aber derzeit wird das System umgestellt – und da hat Gruse eben acht weitere zu überwachen. Auf ihnen sind das Wetter an verschiedensten Messpunkten in Gruses Zuständigkeitsbereich verzeichnet, Leuchtturm Kiel etwa, oder Friedrichsort aber auch Schleswig und Flensburg sowie zahlreiche weitere. Gruse kann die jeweiligen Pegelstände einsehen – und bekommt für beides auch die Tendenzen angezeigt. „Solche Prognosen sind enorm wichtig“, erläutert Stefan Mau, Nautiker vom Dienst und stellvertretender Leiter der Travemünder Verkehrsüberwachung. Für einen reibungslosen Schiffsverkehr sei es enorm wichtig, dass die Schiffsführer so früh wie möglich auf bevorstehende Ereignisse vorbereitet würden – und das gelte eben auch für Wetter und Pegel. Dabei helfen unter anderem die interaktiven Seekarten auf den Bildschirmen. Sie zeigen nicht nur das Seegebiet mit all seinen Untiefen und möglichen Gefahrenzonen. Es finden sich darauf zudem rote und grüne Kegel, die die Bojen an den Fahrrinnen markieren, gelbe Kegel, rot-weiße Kegel, die Wegetonnen darstellen und gelbe, die für Tonnen stehen. Kreise stehen für Offshore-Windkraftanlagen, Kreise mit Kreuzen darin für Fischkutter und dergleichen. Dies sind Schiffe, die nicht mit dem Automatischen Schiffsidentifizierungssystem (AIS) ausgerüstet sind und noch über Radar erfasst werden. Und schließlich gibt es auch noch rote und weiße Dreiecke mit einem Strich an ihrer Spitze. Das sind die Schiffe, die das von Gruse zu überwachende Seegebiet passieren. Sind sie weiß, sind es normale Frachter, sind sie rot, haben sie Gefahrgut geladen. Der Strich steht für ihre Fahrtrichtung. In der Regel ist die Arbeit von Thomas Gruse und seinen Kollegen ruhig und die Männer können auch mal die Aussicht auf die dicht vor ihrem Fenster vorbeiziehenden Schiffe genießen. Doch Gefahrensituationen drohen immer – und dann kann es sehr schnell sehr hektisch in der Travemünder Verkehrsüberwachung werden. Gerade zeigt das Programm Gruse an, dass etwas mit der „Ek Sky“, kommend aus St. Petersburg mit Ziel Wilhelmshaven nicht stimmt. Das kleine rote Dreieck auf der Seekarte oberhalb vom Leuchtturm Kiel blinkt. Und blinken bedeutet, dass das Schiff sich nicht mehr bewegt – sei es weil es Motorschaden hat, auf Grund gelaufen oder auf eine andere Art havariert ist. Doch Gruse kann Entwarnung geben. In diesem Fall bedeutet das Blinken nur, dass die „Ek Sky“ vor Anker gegangen ist. Das mit Dieselöl beladene Schiff muss vor Kiel auf seine Weiterfahrt warten. Das Ankern kann das AIS nicht melden, Gruse trägt es per Hand nach, nachdem er sich via Funk versichert hat, dass die „Ek Sky“ wirklich nur ankert. Das Blinken erlischt Doch bisweilen wird es eben auch richtig brenzlig. Stefan Mau erinnert sich an eine Situation. „Es ging ganz harmlos los“, blickt er zurück. Zunächst habe ein russischer Frachter in einem Sturm gemeldet, dass er ein paar Holzstämme verloren habe. Nicht weiter schlimm, aber natürlich durchaus eine Gefahrenquelle für den restlichen Schiffsverkehr, der auf solche Stämme auffahren könnte, sich das Ruder an ihnen beschädigen könnte oder Ähnliches. Doch dann hieß es, „Mann über Bord“. Und dann, dass die gesamte Ladung verloren gegangen sei. Zum Glück habe sich dann aber herausgestellt, dass doch niemand über Bord gegangen sei. Die Stämme hingegen seien noch tagelang von anderen Schiffen in der Ostsee verstreut gesichtet worden. Mau schickte dann entsprechend Leute los, um diese auf dem Meer einzusammeln. In der Regel aber läuft der Verkehr auf der Ostsee reibungslos, kommt es nur zu kleineren Zwischenfällen. Insgesamt betreuen die Männer der Travemünder Verkehrsüberwachung jährlich 100.000 Schiffe. Die größten Umschlagszahlen finden sich dabei in Lübeck (26,1 Millionen Tonnen), dann kommen mit einigem Abstand Kiel (6,32 Millionen Tonnen) und Puttgarden (5,2 Millionen Tonnen), gefolgt von Wismar (3,7 Millionen Tonnen). Das Schlusslicht der von Travemünde aus betreuten Häfen bildet mit 409.000 Tonnen Flensburg. Ab kommendem Jahr wird Travemünde noch mehr zu tun bekommen und drei weitere Arbeitsplätze erhalten. Dann nämlich beginnt der Bau der Fehmarnbelt-Querung – und die wird ein massives Hindernis Schifffahrt im eh schon engen Fehmarnbelt bedeuten. Drei Kollegen werden dann aus Dänemark zum Team stoßen und sich allein um dieses Problem kümmern.
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von Kathrin Emse erstellt am 15.Mrz.2015 | 16:04 Uhr

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1953 das Licht der Welt in Stuttgart erblickt bis 1962 Stuttgart ab 1963 bis 1970 Bayerrn ( genauer Mittelfranken Lauf/Peg.) Schule ab 1970 Norden Lehrjahre sind keine Herrenjahre Matrose HAPAG 1976 AK 19 86 AM FHSR ( heute STW 95 unbeschränkt) 1992 -1997 Staukoordinator Abteilungleiter Reedereien Rheintainer Transglobe 1997 - Schleusenmeister, den es immer noch seefahrtsmässig in den Finger juckt, wenn er seine Kollegen fahren sieht, inzwischen auch wieder selbst fährt übergangsweise Fähre und ehrenamtlich Dampfschlepper Hamburger Hafen Museumshafen Övelgönne