Vertreter des Rates der Ostseestaaten bei einer Tagung in Riga (Lettland). Wirtschaft, Bildung, Energie und maritimer Umweltschutz stehen auf der Agenda der Mitglieder.

Vertreter des Rates der Ostseestaaten bei einer Tagung in Riga Vertreter des Rates der Ostseestaaten bei einer Tagung in Riga (Lettland). Wirtschaft, Bildung, Energie und maritimer Umweltschutz stehen auf der Agenda der Mitglieder. Foto: dpa Anmerk.HP Btr-.: Unser NOK ist das Bindeglied Ostsee Hamburg und den anderen Nordrangehäfen. Das Meer der Freiheit Die Gründer des Ostseerats brannten für ihre Idee einer wirtschaftlichen und kulturellen Blüte / Nach 20 Jahren müssen die Ziele neu definiert werden Kiel/Warschau Tue Gutes, auch wenn niemand darüber redet. Nach dieser Devise funktioniert seit 20 Jahren der Ostseerat. „Das ist eine große Erfolgsgeschichte“, sagt Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Jost de Jager über die Kooperation in der Region nach dem Ende des Kalten Krieges. „Die Ostsee ist gerade aus norddeutscher Sicht ein hoch interessanter Wirtschaftsraum, der sich unglaublich dynamisch entwickelt“, erklärt der Spitzenkandidat der Nord-CDU bei der Landtagswahl im Mai. Nur bekannt ist diese Erfolgsgeschichte kaum. „Wir müssen sie neu erzählen“, fordert der frühere Ministerpräsident Björn Engholm (SPD). Und im Interview fügt er hinzu: „Ich wünsche mir dringend mehr Herzblut bei alldem!“ Die Gründer des Ostseerates brannten für die Idee. Engholm hatte mit seinem Konzept einer „neuen Hanse“ schon in den späten 80er Jahren den Boden bereitet. Die Region sollte zu wirtschaftlicher und kultureller Blüte gelangen wie einst im Mittelalter. „Immer wieder pilgerten wir in die Metropolen, nach Stockholm, Riga und nach Danzig zu Lech Walesa“, erinnert sich Engholm. Dann fiel die Mauer. Schließlich hoben die Außenminister von Deutschland und Dänemark, Hans-Dietrich Genscher und Uffe Ellemann-Jensen, den Rat am 5. März 1992 aus der Taufe. Von einem „Meer der Freiheit“ sprach Genscher damals: „Die Geschichte hat uns den Auftrag und die Chance gegeben, in dieser Region zu zeigen, wie durch solidarische Bündelung unserer Kräfte die geistige und wirtschaftliche Einheit Europas wiedergewonnen werden kann.“ Von der Leidenschaft und dem Pathos der Gründer ist wenig geblieben. Das mag auch daran liegen, dass „die Idee des Ostseerates von ihrem Erfolg überholt worden ist“, wie Jost de Jager es formuliert. „Die Ost-West-Spaltung ist überwunden. Heute sind alle Anrainerstaaten bis auf Russland Mitglieder der Europäischen Union.“ Beim Umweltschutz gab es große Fortschritte, und die Wirtschaft in der Region entwickelt sich prächtig. Schleswig-Holstein führt 20 Prozent seiner Exporte in die Ostseestaaten aus, Hamburg immerhin sieben Prozent. „Wir sind zur Drehscheibe zwischen dem Westen und dem Nordosten Europas geworden“, schwärmt Ostsee-Expertin Corinna Nienstedt in der Handelskammer der Hansestadt. „Hamburg ist heute, wenn man so will, der wichtigste Hafen Finnlands.“ Einen weiteren Schub erwarten Fachleute und Wirtschaftspolitiker nach der Fertigstellung der Fehmarnbelt-Querung. „Das wird den Boom beschleunigen“, sagt Nienstedt. „Aber wir dürfen nicht nur nach Norden schauen. Am dynamischsten entwickelt sich der Osten.“ Tatsächlich weisen Polen und die baltischen Staaten seit dem EU-Beitritt überdurchschnittliche Wachstumswerte auf, teilweise sogar im zweistelligen Bereich. „Auch Russland hat ein großes Potenzial“, erklärt Nienstedt mit Blick auf die Region St. Petersburg und die Enklave Kaliningrad im ehemaligen Ostpreußen. Um die Chancen des Russland-Handels zu nutzen, plädiert Nienstedt für Erleichterungen im Reiseverkehr. Von einer „behutsamen Aufweichung des Visa-Regimes“ verspricht sich auch Knut Dethlefsen „ein weiteres Zusammenwachsen der Region rund um das Binnenmeer der EU“. Der Osteuropa-Experte der Friedrich-Ebert-Stiftung, deren Warschauer Büro er leitet, verlangt aber darüber hinaus ein Umdenken in der Ostsee-Politik. „Die Spannungsverhältnisse sind heute völlig andere als noch vor 20 Jahren bei der Gründung des Ostseerates“, sagt der gebürtige Schleswig-Holsteiner. „Die Trennlinien verlaufen nicht mehr zwischen Staaten und Nationen, sondern quer durch die Gesellschaften.“ Dethlefsen zeichnet ein Bild von der Lage in der Region, das Zweifel an der „großen Erfolgsgeschichte“ zulässt, von der Jost de Jager spricht. „Es gibt neue Spaltungen“, sagt Dethlefsen und zählt auf: „Zwischen den Gewinnern der wirtschaftlichen Transformation und den Verlierern, zwischen Bürgern und Politik, zwischen der Generation Facebook vor allem in den Städten und den schlechter vernetzten Menschen in entlegeneren Regionen.“ Deshalb sei eine neue Art der Kooperation im Ostseeraum nötig, „die von unten wächst“, erklärt der SPD-Mann. „Städte, Gewerkschaften, Nichtregierungsorganisationen, Jugendverbände, Universitäten und Kultureinrichtungen sollten sich noch stärker zusammenschließen.“ Dafür aber brauche es neue Leidenschaft und neue Köpfe. Beides, so sieht es auch Björn Engholm, fehlt derzeit im Ostseeraum. Ulrich Krökel Norddeutsche Rundschau Ich wünsche mir dringend mehr Herzblut“ Björn Engholm ist der Erfinder der „neuen Hanse“ und beklagt, dass dieser Kooperation heute die Vorkämpfer fehlen Herr Engholm, 20 Jahre Ostseerat: Wie fällt Ihre Bilanz aus? Der Ostseerat ist ein Gremium, das nach dem Ende des Kalten Krieges an einen fahrenden Zug angekoppelt wurde. In Schleswig-Holstein haben wir die Idee einer besseren Zusammenarbeit rund um das „Mare Balticum“ schon viel früher entwickelt. Ende der 80er Jahre haben wir begonnen, die alte Hanse-Idee vom blühenden Handel und Wandel im Ostseeraum in die Moderne zu übertragen. Auf diesem Weg sind wir weit vorangekommen. Die Wirtschaft wächst, der Umwelt geht es bei allen Problemen viel besser als 1990, und auch politisch sind wir in der EU vereint. Alles perfekt also, oder gibt es noch offene Wünsche? Ich wünsche mir dringend mehr Herzblut bei alldem. Es ist alles schrecklich technisch geworden. Die Ostseeraum-Kooperation funktioniert, aber sie lebt nicht. Wir sollten uns stärker mit dem Norden identifizieren. Lässt sich eine nordische Identität schaffen? Fakt ist: Die EU ist noch immer sehr Südeuropa lastig. Deswegen sollten wir uns fünf, sechs Bereiche vornehmen, in denen wir im Norden ein Gegengewicht schaffen. In der Kultur sind wir uns rund um die Ostsee so nah wie historisch. Das alles hat mit Südeuropa wenig zu tun. Wir sollten das fördern, etwa mit einem gemeinsamen Geschichtsbuch. In der Euro-Krise ist viel von einer nordischen Stabilitätskultur die Rede, die in Südeuropa fehle. Ist dies auch ein identitätsstiftendes Moment? Durchaus. Wir müssen nur aufpassen, dass wir nicht missionarisch werden und andere im Triumph belehren. „Europa spricht deutsch oder nordisch“ – das ist ein gefährlicher Ansatz. Rund um die Ostsee haben wir gelernt, solide zu haushalten. Das gilt übrigens nicht nur für Deutschland und Skandinavien, sondern auch für Polen und die baltischen Staaten! Diese Kultur sollten wir pflegen und vorleben, aber niemandem im Süden aufzwingen. Die Mittelmeerunion der EU hat den französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy als Vorkämpfer. Wen hat der Ostseeraum? Leider fehlen derzeit im Norden die Köpfe, die diese prächtige Idee verkörpern und weiterentwickeln könnten. Vielleicht kann die neue dänische Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt in diese Rolle schlüpfen. Angela Merkel, die ja eine Norddeutsche ist, hat Sarkozy zwar im Mittelmeer gebremst, aber im Ostseeraum selbst wenig bewegt. Allerdings müssen wir auch in Schleswig-Holstein konsequenter handeln. Wie muss das passieren? Wenn wir in der Region vorankommen wollen, müssen wir uns auf das besinnen, was uns stark gemacht hat: Unsere Zukunft liegt im Kleinen. Wir können in Kiel oder Flensburg kein Silicon Valley schaffen. Aber wenn unsere vielen starken mittelständischen Betriebe auf Innovation setzen und darin vom Staat unterstützt werden, dann kann Schleswig-Holstein neu aufblühen. Das Interview führte Ulrich Krökel Zur Person: Björn Engholm (72) war von 1988 bis 1993 schleswig-holsteinischer Ministerpräsident und von 1991 bis 1993 Bundesvorsitzender der SPD und designierter Kanzlerkandidat. Dann stürzte er über die Barschel-Affäre. Engholm hatte vor dem Untersuchungsausschuss falsch ausgesagt. Zu den bleibenden Verdiensten des gebürtigen Lübeckers gehört es, mit der Idee einer „neuen Hanse“ die Ostseeraum-Kooperation aus einem Dornröschenschlaf erweckt zu haben.
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Über g.goettling

1953 das Licht der Welt in Stuttgart erblickt bis 1962 Stuttgart ab 1963 bis 1970 Bayerrn ( genauer Mittelfranken Lauf/Peg.) Schule ab 1970 Norden Lehrjahre sind keine Herrenjahre Matrose HAPAG 1976 AK 19 86 AM FHSR ( heute STW 95 unbeschränkt) 1992 -1997 Staukoordinator Abteilungleiter Reedereien Rheintainer Transglobe 1997 - Schleusenmeister, den es immer noch seefahrtsmässig in den Finger juckt, wenn er seine Kollegen fahren sieht, inzwischen auch wieder selbst fährt übergangsweise Fähre und ehrenamtlich Dampfschlepper Hamburger Hafen Museumshafen Övelgönne