Artikel Yacht 14/2003

Das Schleusentor steht weit offen, das weiße unterbrochene Licht brennt: frei Einfahrt für Yachten. Lange Wartezeiten, dichtes Gedränge, unfreundliche Schleusenmeister: Dafür war der Nord- Ostsee-Kanal berüchtigt. Und heute?

Ein Tag an der Wasserstraße.

Morgens um sieben ist die Welt in Brunsbüttel noch in Ordung.  Es ist Vatertag, und Schleusenmeister Claus Kästner wartet auf die Segler. " Die kommen spätestens bis um neun, dann haben wir hier Niedrigwasser", sagt der 42-jährige mit dem gemütlichen roten Vollbart. Wer es danach mit dem Boot von Hamburg, Wedel oder Stade aus elbabwärts noch nicht bis zur Kanaleinfahrt geschafft hat, bekommt es kurze Zeit später mit dem auflaufenden Wasser zu tun - und kann sich die Passage zu mindestens für en heutigen Tag abschminken. Es gilt also, rechtzeitig vor den Schleusentoren zu stehen.Doch halt, wörtlich sollte das niemand nehmen. Denn unmittelbar vor den Kammern haben ankommende Sportbootfahrer nichts zu suchen. Ihr Warteraum befindet sich östlich von den Zufahrten zur alten Schleuse, gleich vor dem roten Backsteinhaus der Lotsen. Hier müssen sie so lange Kreise drehen, bis das Signal zum Einlaufen in die Vorhäfen und danach in die Schleusen kommt: ein einzelnes weißes unterbrochenes Licht. " Die meisten Skipper glauben, wenn sie ein weißes Licht zusammen mit einem grünen sehen, losfahren zu dürfen. Das ist falsch": erklärt Kästner. Der Kapitänspatentinhaber ist früher selbst zur See gefahren und kennt sich aus. Heute gibt es fürs Erste gar keine Signale. " Wir haben Stromausfall nach einem Kabelbrand. der Schaden ist größer als zunächst angenommen. Bis wieder alles funktioniert kann es noch eine Weile dauern" sagt er.( akt. Stand die Signale sind wieder in Takt 21.07.2003).Generell gibt es in Brunsbüttel wesentlich mehr Schiffsverkehr als auf der anderen Seite des Kanals bei Holtenau. Das liegt daran, das die im Kanalverlauf liegenden Häfen vorwiegend von Schiffen angesteuert werden, die von der Nordsee/ Hamburg kommen. Folge: Die Schleusenmeister hier haben ein Drittel mehr zu tun als ihre Kollegen am östlichen Ende. Wann immer es die Verkehrslage zulässt, werden in Brunsbüttel die beiden Kammern der alten Schleusen in Osten der riesigen Anlage allein für die Sportbootschiffahrt reserviert." Aber das können wir nicht garantieren. Deshalb müssen Freizeitskipper immer damit rechnen, das sie erst nach einem Tanker/ Frachtschiff oder Fahrgastschiff einlaufen können", sagrt Kästner. Momentan ist zudem die rechte Schleusenkammer außer Funktion, da sie von einem Frachtschiff beschädigt wurde. Das innere Kanaltor - ein elbwärts öffnendes, zweiflügliches Stemmtor - ist ausgebaut und wird gerade repariert ( Schleuse wieder in Betrieb 01.08.2003 ) , " Zum Glück sind noch keine Ferien. Jetzt ist noch nicht ganz so viel los hier ", meint der Schleusenmeister.Um zwanzig Minuten nach acht Uhr ist es soweit: Die erste Segelyacht kommt in Sicht. Drei Minuten später leuchtet das einzelne weiße unterbrochene Licht am vorderen ( Vorsignal- Semaphor) Signalmast. Der Skipper darf in den Vorhafen einlaufen. Weitere Schiffe folgen. Noch schiebt draußen ein kräftiger Ebbstrom, der die Yachten ordentlich elbabwärts versetzt. Erst im geschützten Vorhafen finden sie ruhiges Wasser. Von dort gleiten sie weiter, wie eine Entenfamilie in Reih und Glied, hinein in die Schleuse. Irgendwann reißt der Strom der Boote ab. Kästners Kollege Hans Hering will gerade die Tore schließen, da knackst es im Lautsprecher am Steuerstand der Schleuse. Ein Sportboot meldet sich auf Kanal 13, gibt seinen Standort durch und fragt, ob er noch mit reinkommt. Hering ist gut drauf und erwidert:" Gib Gas!" Dann wartet er , bis auch diese Yacht das Tor passiert hat. Und immer noch ist die Schleusenkammer nicht voll. Gerade einmal 10 Schiffe verteilen sich in lockeren Abständen auf beiden Seiten. " Das ist in Ordnung. Wenn es allerdings voll wird, müssen alle so weit wie möglich nach vorn. Einige Spezialisten wollen immer wieder in der Mitte bei ein befreundeten Boot längsseite gehen. Das geht natürlich nicht. Die halten ja den ganzen Laden auf", erzählt Kästner. Angesichts des geringen Andrangs sind die Segler zufrieden. Weder mussten sie endlose Warterunden drehen noch fürchten, sich im Gedränge Kratzer am Schiff zu holen. Moli und Peter Rackwitz von der "Oldwings" sind schon seit früh um fünf unterwegs. Sie gehen jedes Jahr zu Saisonbeginn durch den Kanal.Früher hätten sie manches Mal so ihre Probleme mit den glatten Schlengel ( Schwimmfender) gehabt, berichten sie. "Aber" so die Segler, " seit die eiserenen Roste draufliegen,, kann man gefahrlos mit der Leine in der Hand rüberspringen " ( Vorausgesetzt man hat eine Schwimmweste an ) . Unangenehm werde es allerdings immer noch dann, wenn man bei starkem Westwind draußen warten müsse. "Da kann eine Stunde ganz schön lang werden". Für das Rentnerehepaar geht es bis September auf die Ostsee. Zu den südnorwegische Fjorden wollen sie segeln. Auf ihrem Trip nach Norden sind sie nicht allein. Auch das nächste Boot gehört einem älteren Paar. Es sind Rackwitz' Freunde Helga und Peter Enzelmann mit ihrer Nab 32. " Fit" .Auch sie haben bereits so ihre Erfahrungen mit dem Kanal gemacht. Obwohl nicht vorgeschrieben melden sie sich stets über den UKW - Kanal 13 ( Kiel Kanal 1) an. "Einmal" erzählt der DSV-Prüfer aus Hamburg," haben sie gesagt, sie nehmen uns noch mit. Dann ging das Tor aber doch glatt vor unserer Nase zu. Da muss wohl ein arges Missverständniss vorgelegen haben". Um kurz vor neun Uhr ist der erste Schleusengang für Sportboote an diesem Tag geschafft. Alles hat reibungslos geklappt. Und das, obwohl viele immer noch nicht über UKW ihr Kommen rechtzeitig ankündigen. Kästner schätzt , dass rund 80 Prozent der Kanalfahrer zwar ein UKW-Funk Gerät an Bord haben. " Viel trauen sich aber entweder gar nicht, mit den Profis der Schleuse zu sprechen. Oder aber sie sind derartig übereifrig, dass sie uns schulmäßig anfunken, mit dreimal Rufzeichen uns so, aber wo sie gerade sind, das sagen sie dann nicht" .Was den Schleusenmeister noch stört? " Na ja ", sagt Kästner , " die meisten kennen unsere Anweisungen nicht. Wir dürfen beispielsweise kein Schleusentor öffnen, wenn sich Yachten einfach in den Vorhafen geschlichen haben ( gegen rotes Signal) und dort warten. Dann sind wiederum andre sauer, die nicht verstehen, warum das alles wieder mal so lange dauert". Um kurz vor zehn Uhr, eine Stunde nach Niedrigwasser, kommt eine Motoryacht beinahe in den Genuss eines exklusiven Schleusengangs. Erst im letzten Moment folgt noch eine Segelyacht, aus Richtung Hamburg kommend. Peter Knüppel und Sohn Lars sowie Schwiegersohn Gernot Garbrecht sind auf Vatertagstour. Mit ihrer Espace 900 " Timoc" wollen sie durch den Kanal und weiter in die Flensburger Förde. Sie melden sich nie über Funk an. " Geht auch so" meint der Skipper. Bezahlt werden muss in Brunsbüttel übrigens nur Teilstreckenverkehr ( Brb Yachthafen Gieselauschleuse Rendsburg usw. Fahrt zu Liegeplätzen im Kanal allgemein, über dem Bunker des Mitteltores der neuen Südschleuse bei UCA amtliche Anmeldestelle des Kiel Kanals. Ansonsten ist der Schleusenmeister in Holtenau zuständig ( Alte Schleuse ). Artikel von Christoph Schuhmann
Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Segeln von g.goettling. Permanenter Link des Eintrags.

Über g.goettling

1953 das Licht der Welt in Stuttgart erblickt bis 1962 Stuttgart ab 1963 bis 1970 Bayerrn ( genauer Mittelfranken Lauf/Peg.) Schule ab 1970 Norden Lehrjahre sind keine Herrenjahre Matrose HAPAG 1976 AK 19 86 AM FHSR ( heute STW 95 unbeschränkt) 1992 -1997 Staukoordinator Abteilungleiter Reedereien Rheintainer Transglobe 1997 - Schleusenmeister, den es immer noch seefahrtsmässig in den Finger juckt, wenn er seine Kollegen fahren sieht, inzwischen auch wieder selbst fährt übergangsweise Fähre und ehrenamtlich Dampfschlepper Hamburger Hafen Museumshafen Övelgönne